Informationen - Lexikon religiöse Gebärdensprachbegriffe

aus dem Vorvort der gleichnamigen CD-Rom (1.0)
Siegen, 31. Juli 1998 von Pfr. Benno Weiß.




Einleitung

In der Gehörlosengemeinschaft hat sich in den letzten 15 Jahren ein neues Bewusstsein für ihre eigene Sprache entwickelt, sie hat einen Namen bekommen: Deutsche Gebärdensprache (DGS).
Auch in der Gehörlosenseelsorge versuchen wir, in der Gestaltung der Gottesdienste und des Gemeindelebens der Sprache unserer Gemeindeglieder und den Kulturformen der Gehörlosengemeinschaft zu entsprechen.
So sind in den 90er Jahren DGS-Kurse in die Ausbildung der Gehörlosenseelsorger integriert worden, es ist die erste Übersetzung eines Buches der Bibel in die Deutsche Gebärdensprache erarbeitet worden. Inzwischen liegt auch das erste Lexikon für religiöse Gebärdensprachbegriffe vor: Die CD-ROM „Religiöse Gebärdensprachbegriffe“.


Bereits vor uns hat eine Gruppe von Wissenschaftlern, Gehörlosenlehrern und Pfarrern unter der Federführung von Pfarrer Fritz Lenhard, Heilbronn, in 12-jähriger Arbeit die „Kartei Religiöse Gebärden“ erstellt, und auch in anderen Gehörlosengemeinden wie in Nürnberg, Leipzig, Berlin usw. ist in der Praxis des Gemeindelebens immer wieder an der Entwicklung angemessener gebärdensprachlicher Begriffe für religiöse und theologische Inhalte gearbeitet worden.


Dieses alles einmal zu sammeln, zu ordnen und zusammenzufassen, und daraus eine CD-ROM zu machen, das war das Ziel unseres Projektes.


Nach oben

Mitarbeitende und Arbeit des Fachausschusses 1996

Im November 1996 hat der DAFEG-Fachausschuss „Religiöse Gebärdensprachbegriffe auf CD-ROM“ seine Arbeit begonnen. Dazu gehörten folgende sieben Personen:


·      Ruth Götz, gehörlos, langjährige Mitarbeiterin in der Gehörlosengemeinde Nürnberg
·      Uta Graubner, gehörlos, vormals Mitarbeiterin in der Gehörlosengemeinde Leipzig (bei Heinz Weithaas), jetzt in der Gehörlosengemeinde Dresden
·      Karin Haag, hörend, Diakonin in der Gehörlosenseelsorge Württemberg
·      Ulrich Eichler, hörend, Landespfarrer für Gehörlosenseelsorge in Sachsen
·      Arvid Schwarz, gehörlos, Mitarbeiter in der Gehörlosengemeinde Stade und am Institut für Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser der Universität Hamburg
·      Egon Zeuner, gehörlos, Laienprediger in der Gehörlosenseelsorge Westfalen
·      Benno Weiß, hörend, Gehörlosenpfarrer in Westfalen


An insgesamt acht Wochenenden, jeweils von Freitagabend bis Sonntagnachmittag, haben wir insgesamt 402 religiöse Begriffe bearbeitet: Welche Gebärdensprachformen in den verschiedenen Regionen Deutschlands vorhanden sind, wie theologischer Inhalt und gebärdensprachliche Ausdrucksform einander entsprechen, welchen Ursprung die Formen der Gebärden haben usw. Der Sonntag des Wochenendes war immer der Tag der Videoaufnahmen. Zwischen den Sitzungen hat jede/r an ihrem/seinem Ort versucht, weitere Informationen, weitere Gebärden zu sammeln.


Jede/r von uns hat ihr/sein gebärdensprachliches und sein theologisches Wissen in die Arbeit eingebracht. Das war unser Gewinn, daran lag aber gleichzeitig unsere Grenze. Deshalb kann unser Ergebnis nur ein erster Versuch sein, nach der „Kartei Religiöse Gebärden“ eigentlich der zweite.


Wir werden nicht alle religiösen Gebärdensprachbegriffe erfasst haben, wir werden auch nicht frei von Fehlern gearbeitet haben, aber wir glauben, unser Ergebnis kann sich sehen lassen. 


Nach oben

Zielgruppen

Wir hatten bei unserer Arbeit zwei Zielgruppen vor Augen:


zum einen hörende Mitarbeiter/innen in der Gehörlosenseelsorge: Die CD-ROM als Hilfe zum Erlernen gebärdensprachlicher Vokabeln und zum Verständnis gebärdensprachlicher Begriffsstrukturen,


zum anderen gehörlose Mitglieder unserer Gehörlosengemeinden: Die CD-ROM als eine Möglichkeit, sich selbständig religiös und theologisch weiterzubilden.


In unserer Arbeit haben wir immer wieder erfahren: Das Gespräch und die Diskussion über die Formen religiöser Gebärdensprachbegriffe führt gleichzeitig in ein tieferes Verstehen religiöser und theologischer Inhalte und umgekehrt. So kann die Arbeit an religiösen Gebärdensprachbegriffen auch eine sinnvolle Form des Glaubensgespräches in unseren Gehörlosengemeinden sein.


Bei der Sammlung und Ordnung vorhandener Gebärden haben wir nur die Gebärden aussortiert, die entweder primitiv oder inhaltlich irreführend waren. Ansonsten haben wir von einem Begriff bis zu vier Varianten aufgenommen, deren Herkunft wir gemeinsam in der Gruppe bestimmt haben. So haben wir zu 402 religiösen Begriffen insgesamt 520 Gebärdensprachbegriffe aufgenommen.


Die Querverweise und die Einordnung in „Themenschubladen“, die gebärdensprachlichen und inhaltlichen Bemerkungen zu den einzelnen Begriffsaufnahmen habe ich persönlich formuliert und verantworte sie allein. Dabei habe ich folgendermaßen unterschieden: Die gebärdensprachlichen Bemerkungen sind für den hörenden gebärdensprachlichen Laien, die inhaltlichen Bemerkungen für den gehörlosen theologischen Laien formuliert. Bei den inhaltlichen Bemerkungen habe ich versucht, so weit es mir möglich war, den theologischen Inhalt und seine gebärdensprachliche Ausdrucksform miteinander in Beziehung zu setzen. 


Nach oben

Herkunft der Gebärden

Zu den einzelnen Gebärdensprachbegriffen wird die Herkunft angegeben. Dies hat im Einzelnen folgenden Hintergrund:


·        „Gebärdensprachlicher Umgang“
bezeichnet den großen Schatz religiöser Gebärdensprachbegriffe aus der alltäglichen gebärdensprachlichen Kommunikation der Gehörlosen, die nicht bestimmten Orten oder Regionen zugeordnet werden konnte
·      Deutsche Gebärdensprache
bezeichnet Spezialgebärden oder visuell bedingte Grammatikformen
·      Die Regionen Süddeutschland, Norddeutschland, Bayern, Berlin
werden angegeben, wo regionale Zuordnung möglich oder nötig war
·      Ostdeutschland:
Bei vielen Sonderformen machen sich die 40 Jahre BRD/DDR - Geschichte bemerkbar
·      Spanische, italienische, israelische Gebärdensprache
konnte vermerkt werden als Ergebnis persönlicher Kontakte zu spanischen, italienischen, israelischen Gehörlosen
·      Katholische Gehörlosengemeinden
bei typisch katholischen Begriffen
·      Evangelische Gehörlosengemeinden:
Diese Begriffe sind aus der jahrzehntelangen Praxis in den evangelischen Gehörlosengemeinden erwachsen, ihr regionaler Ursprung ist nicht mehr erkennbar, diese Begriffe sind nicht unbedingt Bestandteil des gebärdensprachlichen Umgangs
·      Ostdeutsche Gehörlosengemeinden:
Unter den gesellschaftlichen Bedingungen der DDR haben die Kirchen, so auch die Gehörlosenseelsorge besondere Formen des Gemeindelebens entwickelt, dabei sind auch besondere Formen und Inhalte religiöser Gebärdensprachbegriffe entstanden
·      Gehörlosengemeinde Leipzig:
Heinz Weithaas mit seiner besonderen Fähigkeit, seine theologische und seine gebärdensprachliche Kompetenz miteinander zu verknüpfen, hat mit seiner Gehörlosengemeinde in Leipzig auch viele religiöse Gebärdensprachbegriffe entwickelt, die sich hier und unter der Rubrik „Ostdeutsche Gehörlosengemeinden“ und teilweise auch „Ostdeutschland“ wiederfinden
·      Evangeliumsbewegung für Gehörlose:
In den 70er Jahren entstand, ausgehend von Westdeutschland, diese Bewegung. Sie forderte die ganze Bibel für Gehörlose und kritisierte mit dieser Forderung die lautsprachlich elementarisierten Formen der Bibeltexte, die von den Gehörlosenseelsorgern in den Gottesdiensten dargeboten wurden, da die sprachliche Elementarisierung oft auch mit einer inhaltlichen Verkürzung der biblischen Inhalte einherging. Die Gehörlosen dieser Bewegung setzten sich intensiv mit den Texten der Bibel auseinander. Daraus gingen viele religiöse Gebärdensprachbegriffe hervor, die in unsere Arbeit von einem ihrer Gründungsmitglieder, Egon Zeuner, eingebracht wurden.
·      Kartei „Religiöse Gebärden“:
Zwölf Jahre arbeitete ein Kreis um Pfarrer Lenhard und Professor Schulte an der Entwicklung religiöser Gebärden, die in oben genannter Kartei festgehalten und veröffentlicht wurden. Aus dieser Arbeit sind viele Anregungen in die evangelischen Gehörlosengemeinden gegangen.
·      Bayrische Gehörlosenseelsorge:
Besonders aus der Arbeit der Nürnberger Gehörlosengemeinde sind viele religiöse Gebärdensprachbegriffe hervorgegangen
·      Württembergische Gehörlosenseelsorge:
Besonders zu erwähnen ist hier der „Denkendorfer Kreis“, aus dessen theologischer Bildungsarbeit auch viele religiöse Gebärdensprachbegriffe entstanden sind.
·      Westfälischer Arbeitskreis „Bibel in Gebärdensprache“:
Die Übersetzung des Markus-Evangeliums in die Deutsche Gebärdensprache machte die Entwicklung etlicher religiöser Gebärdensprachbegriffe erforderlich
·      Westfälische Gehörlosenseelsorge:
Die Bildungsarbeit mit den gehörlosen Laienpredigern zum einen und mit den gehörlosen Gemeindesprechern/innen zum anderen erwies sich als Quelle für neue religiöse Gebärdensprachbegriffe
·      Nord- und süddeutsche Gehörlosengemeinden:
Einige Sonderformen entstanden in der Praxis dieser Gehörlosengemeinden
·      Arbeitskreis „Biblische und geistliche Gebärden“ der Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten, Abteilung Gehörlosenmission:
1997 hat dieser Arbeitskreis ein Videoband „Biblische und geistliche Gebärden“ mit Beiheft herausgegeben; darin finden sich 424 Begriffe.
·      DAFEG-Fachausschuss „Religiöse Gebärdensprachbegriffe auf CD-ROM“:
Unser Fachausschuss hat gesammelt, geordnet, stilisiert, teilweise auch weltliche Gebärdensprachbegriffe religiös interpretiert, und zum Teil auch aus der Beschäftigung mit theologischen Inhalten heraus neue religiöse Gebärdensprachbegriffe entwickelt.   Ich möchte noch einmal allen Mitarbeitern/innen an dieser CD-ROM herzlich danken und wünsche allen Benutzern bei der Arbeit mit ihr viel Spaß und segensreichen Ertrag.


 


Nach oben